Galerie.Z
   

Vernissagetext - Margot Prax
20.1.2022

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“

Diese Feststellung wird Mae West einer Hollywood-Diva der 30-er Jahre zugeschrieben. Für Märchenfiguren ist Altwerden überhaupt nicht vorgesehen. In unserer Erinnerung aus der Kindheit sind sie als bezaubernde, anmutige Wesen abgespeichert, gleichsam eingefroren. Nüchtern betrachtet, sind sie aber komplett aus der Zeit gefallen.

Peter Wehinger nimmt dieses Paradoxon zum Anlass, die Protagonisten einiger klassischen Märchen weiterzuentwickeln. d.h. sie in der 3. Phase des Lebens – dem Alter – darzustellen. Das kommt einer Sabotage gleich. Unterwandert er damit doch unsere verinnerlichten und für unumstößlich gehaltenen Überzeugungen.

Wer den künstlerischen Weg des Absolventen der Akademie der bildenden Künste in Wien verfolgt, den überrascht das nicht. Ist das Hintersinnige, Mehrdeutige bisweilen Subversive geradezu ein Markenzeichen seiner Arbeiten.

Als Beispiel ist etwa die Serie „pin up“ zu nennen, die Peter Wehinger 2012 bereits in der Galerie.Z zeigte. Zu bestaunen waren ältere Männer, die sich in mehr oder weniger selbstverliebten Posen präsentierten.

Auch mit „lord of the board“ und „Auf den Abgrund zu“ widmete er sich Männern reiferen Alters, die sich mit mehr jugendlichem Elan als athletischer Bravour sportlich betätigen.

Bei aller Ironie und allem Sarkasmus wahrt der Künstler, der selbst aktiver Skater war und nach wie vor sehr sportlich ist, die Balance zwischen Drama und Humor. Drama ohne Humor hält er für reines Pathos.

Deshalb gönnt er seinen Darstellern, die sich mit Verve gegen den Verfall stemmen, glanzvolle Momente. Ganz nach der Devise: Rebellion anstatt Resignation.

Allein anhand dieser wenigen Beispiele wird deutlich, dass sich Peter Wehinger bereits seit längerem mit dem Vergänglichen beschäftigt. Besonders mit dem Prozess des Alterns setzt er sich intensiv auseinander. Waren es bisher eben ältere Männer sind es jetzt Märchenfiguren.

Indem er die zauberhaften Wesen in erheblich gealtertem Zustand zeichnet, zerpflückt er zum einen unsere kindlichen Klischees. Zum anderen schreibt er den Figuren völlig neue Rollen zu.
Anstatt als kokette Verführerin stellt Peter Wehinger Rapunzel als verhärmt wirkende Alte dar oder Hänsel und Gretel als verstoßene Greise.

Damit lenkt er den Blick auf existenzielle Themen:
Altersarmut, Einsamkeit, das Abgleiten in Vergessenheit, das allmähliche Verschwinden aus der Öffentlichkeit.
In der auf das finanziell potente Segment der „silver ager“ ausgerichteten Werbung sind solche Aspekte ausgeblendet, tabu.

Schönfärberei ist dem in Dornbirn und Wien lebenden Künstler zweifelsohne zu profan. Mehr noch: Schön zeichnen zu können, ist für ihn weder ein erstrebenswertes Ziel noch Qualitätskriterium.
Eigenständigkeit und eine von akademischer Schulung befreite Handschrift sind dem ehemaligen Studenten von Monica Bonvicini, Gunter Damisch u. Peter Kogler wesentlich wichtiger.

Dabei legt er sich zuerst im Kopf ein präzises Konzept zurecht, bevor er die erste Linie auf das Papier setzt. Eine Methode, wie sie Bildhauer anwenden, analysiert seine Künstlerkollegin Veronika Dirnhofer.

Kennzeichnend für seinen Stil ist die Reduktion. Sich mit wenigen Strichen zu begnügen, hat sich der Künstler selbst als hohen Anspruch auferlegt. Seine Überlegung dazu ist: Der Blick des Publikums soll ausschließlich auf das Thema gerichtet sein und nicht auf die Technik.

Geschickt lenkt er die Aufmerksamkeit der Betrachter zusätzlich auf den Inhalt, indem er radikal auf jegliche Attribute wie einen Hintergrund oder andere gestalterische Elemente verzichtet. So kann der Blick nicht auf Nebensächlichkeiten abschweifen.

Während er früher sowohl zwischen den Genres als auch den Inhalten wechselte, schätzt er nun die Konzentration auf ein Medium und ein Thema.
Das fokussierte Tun beschreibt er als erfüllend, weil es eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglicht und es damit mehr Tiefe erfährt.

Deshalb hat sich Peter Wehinger entschlossen, noch länger am Thema des Alterns im Allgemeinen und dem Älterwerden von Märchenfiguren dranzubleiben, es noch schärfer zu durchdringen.
Für Simone de Beauvoir-die große französische Philosophin-bedeutet Altern, sich über sich selbst klar zu werden.

Exakt davon handeln die Zeichnungen, auf denen reifere Personenpaare in verschiedenen kämpferisch anmutenden Körperhaltungen zu sehen sind. Spontan drängen sich Assoziationen zur Sportart des Ringens auf.

Überflüssig zu erwähnen, dass sich Peter Wehingers Interesse nicht auf die comicartige Darstellung ringender Leiber beschränkt. Auf einer höheren Bewusstseinsebene appelliert er an unsere Reflexionsfähigkeit. Dabei trickst er uns mit den vermeintlich harmlos witzigen Sujets aus:

Subtil und charmant legt er mit den liebenswerten Alten eine Schiene, um in uns Überlegungen anzustoßen:

Über die Jahre leichtfertig übernommene Muster, sorgsam gepflegte Überzeugungen, starre Haltungen, bequeme Gewissheiten, sowie selbst geschnitzte Wahrheiten zu überprüfen, in Frage zu stellen.

Konkret bedeutet es: Mit diesen komfortablen Einstellungen und in der Konsequenz mit sich selbst zu ringen, ganz im Sinne von Simone de Beauvoir.

In den mit „Friktion“ betitelten Arbeiten kulminiert dieses Zurückgeworfensein auf sich selbst. Vorbeischummeln funktioniert nicht mehr, die Konfrontation mit dem eigenen Ich ist unausweichlich.

Dafür sorgt schon der internalisierte Saboteur, der unsere Selbstgenügsamkeit torpediert und uns ebenso beharrlich wie wachsam begleitet.

Ungeschönte Wahrheiten über das Alter sind in der Kunst ohnehin nicht üppig vertreten, schon gar nicht in der provokant-bissigen Manier von Peter Wehinger. Erfreulicherweise widmet er sich dieser Nische.

Denn bitter und böse meint er es letztlich mit seinen Alten nicht. Sein Umgang mit ihnen ist nachsichtig und gewährend, aber dennoch kritisch.

Passend erscheint hier ein Spruch, den Peter Wehinger ergänzend zu einer seiner Zeichnungen hinzugefügt hat:
„Get comfortable with the uncomfortable“

Salopp übersetzt:
„Freunden Sie sich mit der unbequemen Wahrheit an.“

©Margot Prax

 
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